Gut, dass es Großeltern gibt. Die verhelfen gelegentlich Eltern schulpflichtiger Kinder zu einer Auszeit.
Gut, dass es noch Arbeitgeber gibt, bei denen Mann und Frau Überstunden abbauen und eine Woche frei nehmen können.
 
Also Rahmenbedingungen stimmen; nur die Frage, wohin?
 
Nachdem wir die üblichen Verdächtigen an Zielen für diese Jahreszeit wegen “Warenwirschonmal” ausgeschlossen haben, blieben wir bei Leonidio hängen. Warum auch immer waren wir noch nie in Griechenland klettern und hatten beide Lust auf Neuland. Nach begeisterten Erzählungen einiger Kletterfreunde bestellte ich den Kletterführer, wir buchten den Flug und standen nur noch vor der Frage der Unterkunft. Da so kurzfristig im Ort selbst alle Appartements ausgebucht waren, entschieden wir uns für Hotel. Ich hatte keine Lust auf tägliche Anfahrt und wollte abends bei einem Bummel auch mal was von griechischem Leben sehen, hören, riechen und schmecken.
Nach ca. dreistündigem Flug und dreistündiger Autofahrt erreichten wir unser Ziel und hatten mit dem Archontiko Hatzipanagioti ein altes Herrenhaus als Hotel mitten in Leonidio.
 
Zum griechischem Leben: Leonidio ist keine Großstadt, hat aber für ein 3000-Seelen-Ort einige Möglichkeiten, ein oder zwei Getränke zu sich zu nehmen. Irgendwie hat sich aber in der Woche eingebürgert, im Restaurant Mitropoli zu essen und in der Cooperative Panjika ein Absacker zu nehmen. Damit waren wir nicht ganz allein. Das schien sich irgendwie anzubieten und am Ende der Woche saßen alle, die zunächst an Einzeltischen aßen, zusammen. Das Aprés-climbing war schon einmal angenehm bei gutem Essen und netten Menschen.
Tag 1
Am nächsten und auch an allen anderen Morgen weckten uns die für frankfurter mittlerweile ungewohnten Glocken des nahen Kirchturm und ich verdammte kurzfristig die Wahl des Quartiers . Aber die Sonne schien und was lag näher, als in der über dem Ort thronenden Felswand die Kletterwoche zu starten.
 
Ziel des ersten TagesDie Sektoren Orama, Rocspot und Douvari sind neben dem Mehrseillängen-Sektor Petalo die einzigen, die ich von der Ortsmitte zu Fuß ansteuern würde (ca 20 min). Bei den anderen orstnahen Sektoren steigt man doch eher kurz ins Fahrzeug, weil selbst von den dann angegebenen Parkplätzen einige steile Meter zu bewältigen sind.
 
Wir haben uns die drei oben erstgenannten Sektoren angeschaut und in allen einige Routen geklettert. Ehrlich gesagt war mir hier die Kletterei zu beliebig. Mir fehlten ein wenig die wirklichen Linien. Simone fand es jedoch gut, weil sie bei der perfekten Absicherung nach Winterpause im Vorstieg voll auf ihre Kosten kam. Das lag auch daran, dass eine solche Routendichte im Bereich 5a bis 6b  nicht allzu häufig anzutreffen ist.
 
Am zweiten Tag bestand ich auf den Sektor Mars. Solche Sinterformationen bekommt man einfach nicht allzu oft in die Hand. Bei angekündigter Gewitterfront wollte ich dies auch gerne trocken tun.
Nach Warm-up im Sektor Namaste , der auf dem Weg liegt, ging es dann an die beeindruckenden Sinter. Hier ist doch erstaunlicherweise einiges im moderaten Bereich von 6b bis 7a+ zu haben. Die Schwierigkeiten fangen dann eher nach den Sinterpassagen in der jeweiligen “Extension”an.
 
Mars
TwinCavesAuch der dritte Tag sollte wieder eine Kombi zwischen Wand- und Sinterkletterei werden. Das Gewitter wollte doch noch nicht kommen. Wir wählten daher die Sektoren  Hot Rock und TwinCaves aus.
Obwohl der Sektor Hot Rock quasi am selben Felsriegel wie die Sektoren am ersten Tag liegt, empfand ich die Kletterei hier deutlich besser. Der Fels war kompakter ,grauer und weniger dreckig als der rote Bereich. Platten- und Wanddkletterfreaks können sich hier den ganzen Tag bei langen Touren austoben. Wir wechselten nach vier Touren (die hier von ihrer Länge durchaus mal acht oder zehn Touren in der Fränkischen entsprechen) zum Sektor TwinCaves.
Der bietet zwar auch einen Plattenbereich, ich wollte aber gerne was Härteres in der Höhle klettern. Nach kurzem, aber steilem Zustieg erlebten wir es zum ersten Mal voll am Fels. Petzl befilmte und fotografierte mit großem Aufwand an Personal, Stars und lauten Drohnen das neue Grigri+. Der interessanteste Bereich der Höhle war leider belegt fürs Fotoshooting. Ich wich dann trotz meiner fotogenen Statur uneigennützig auf eine kurze Boulderroute nach rechts aus und Simone genoss noch einige Plattentouren links der Höhle.
 
TwinCaves (2)Vierter Tag
Der Regen kam, zum Glück ohne Gewitter. Wir gaben den TwinCaves eine zweite Chance und ich klettere mich leidlich warm in einer trockenen 6a am Höhlenrand. Bei dem anschließenden Auschecken einer 7c blieb ich zwar trocken, Simone stand aber im Regen, so dass wir beschlossen, eher ein wenig Autotourismus zu betreiben.
 
Nifada, Regentag
Fünfter Tag
Noch mehr Regen. Während sich die meisten anderen Kletterer für den wohl komplett regensicheren Sektor HADA entschieden, war uns der Zustieg ohne wirkliche Regenbekleidung zu lang. Wir entschieden uns für den Sektor Nifada, der insbesondere Simone mit zwei vermeintlich trockenen 6a lockte. Leider war es auch dort nicht sonderlich gemütlich bei 6 Grad. Die Nässe drückte ziemlich an die Wand ran und die Sinter begannen zu tropfen. Zudem ist der Wandfuß unter dem Dach Steil und rutschig. Schnell was kurzes steiles geklettert und in der Regenpause zurück zum Auto. 
 
Tag sechs war ein perfekter Abschluss. Trocken und nicht zu heiß. Wir schauten uns mehrere Sektoren Richtung Meer an und waren begeistert von den schönen Touren. Insbesondere testeten wir Yellow Wall, Theos Pillar, Cave und Micro Theos. Die Sektoren liegen relativ dicht beisammen, ein Wechsel ist daher leicht möglich. Insbesondere die langen 7a-Routen im Cave und der Yellow Wall sind sehr abwechslungsreich und purer Genuss.
 
FAZIT Leonidio:
Der Laudatio als neues Top-Gebiet in Europa wird es meiner Meinung nach nicht gerecht. Bei weniger Flug- und vor allem weniger Autofahrzeit bietet insbesondere Spanien meiner Meinung nach deutlich mehr.
Es war aber trotzdem eine schöne Woche in einem noch recht ursprünglichen Gebiet, was sowohl Touren als auch Leute angeht. Die Absicherung ist perfekt, die Bewertung schmeichelnd und Griechenland hat mir gefallen. Ein Besuch ist auf jeden Fall lohnend. Im Herbst kann das Ganze auch gut mit Baden im Meer kombiniert werden.
 
Für mehr Infos siehe auch:
 
Karte

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Viele Grüße,

Dirk